Diese Webseite verwendet Cookies. Sie akzeptieren unsere Cookies, wenn Sie fortfahren diese Webseite zu nutzen. Weiterlesen …

TV-Beitrag - Verzögerte Diagnose

Prof. Stenzl bei odysso - Wissen im SWR

Risikofaktor Geschlecht: Frauen kommen häufiger als Männer mit einem fortgeschrittenen Blasenkarzinom ins Krankenhaus – die Folgen können verheerend sein.

 

Quelle: odysso - Wissen im SWR - Sendung vom 26.04.2018, 22 Uhr

Leben mit einer künstlichen Blase

Wie viel Urin ist gerade in meiner Harnblase? Eine Frage, die für viele keine Rolle spielt, für Petra-Blum Jelinek jedoch schon. Jeden Abend muss sie ihren Restharn aus der Blase mit einem Katheter entfernen. Sind es mehr als 120 Milliliter besteht Infektionsgefahr. Mit Hilfe eines Spiegels sucht sie ihre Harnröhre und führt den Schlauch ein. Das kostet sie noch heute Überwindung. „Das hat auch beim ersten Mal nicht gleich funktioniert. Man wird ja angeleitet. Dann mussten schon ein, zwei Katheter genommen werden, bis man das richtig gemacht hat. Aber ich hätte gar nicht gedacht, dass man es überhaupt selber machen kann.“ Petra Blum-Jelinek muss mit diesem Umstand Leben, denn sie hatte Blasenkrebs. Symptome hatte sie keine. Als der Krebs entdeckt wurde, war der Tumor bereits Haselnussgroß. Zu spät, um die Blase zu erhalten. Sie musste komplett entfernt und eine neue Blase aus eigenem Dünndarmgewebe erstellt werden. Für Petra Blum-Jelinek war das ein großer Einschnitt in ihr Leben. Wäre ihr das als Mann auch passiert?

Tumor durchbricht Blasenwand

Petra Blum-Jelinek ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Frauen häufiger als Männer mit einem fortgeschrittenen Blasentumor ins Krankenhaus kommen.
Ein fortgeschrittener Tumor verschlechtert in der Regel auch die Überlebenschance der Frauen. Zwar erkranken mehr Männer an Blasenkrebs als Frauen – es sind etwa dreimal so viele, doch bei Frauen sind die Fälle oft dramatischer.

Professor Arnulf Stenzl ist ärztlicher Direktor der Klinik für Urologie in Tübingen und spezialisiert auf Blasenkrebs bei Frauen. Er zeigt uns ein Röntgenbild mit einem Blasentumor. Das Problem sei nicht die Größe, sondern wie tief der Tumor in der Blasenwand sitzt. Hat er einmal die Blasenwand durchbrochen und Zugang zu den Lymphgefäßen, könne er „zur Metastasierung im ganzen Körper führen“, so Stenzl. Da Frauen eine dünnere Blasenwand als Männer haben, kann der Krebs sich schneller durchfressen. Umso wichtiger ist es, dass ein Blasenkarzinom auch bei Frauen früh erkannt wird. Doch die Studien zeigen etwas anderes. Blasenkrebs wird bei Männern früher entdeckt als bei Frauen. Woher kommt dieser Unterschied?

Fehldiagnose Harnwegsinfekt

Ein Grund für die späte Diagnose sei, dass „die Symptome eines Blasenkarzinoms denen eines Harnwegsinfekts ähneln“, sagt Arnulf Stenzl. Zu den Symptomen zählen beispielsweise Probleme bei Wasserlassen oder Blut im Urin. Da Frauen wesentlich häufiger Harnwegsinfekte als Männer haben, ist zu vermuten, dass der Verdacht bei Frauen häufiger als bei Männern zunächst auf einen Harnwegsinfekt fällt. Während ein Mann in der Regel bei ersten Warnsignalen zum Urologen überwiesen wird kann es der Frau passieren, dass sie selbst bei immer wiederkehrenden Symptomen nach Hause geschickt wird. In der Hand ein Antibiotika-Rezept zur Behandlung des angeblichen Harnwegsinfekt. Kostbare Zeit geht verloren in der, der Tumor unbemerkt weiter wächst. Dabei könnte ein Urologe mit Hilfe einer Blasenspiegelung feststellen, wie es tatsächlich in der Blase aussieht. Die Studienlage sei eindeutig, meint Stenzl. „Wir haben deutlich mehr Besuche beim Allgemeinmediziner bei Frauen bis sie zum Urologen überwiesen werden, als bei Männern“.

Doch ist den Hausärzten bekannt, dass Blasenkrebs bei Frauen im Schnitt später diagnostiziert wird als bei Männern? „Eine grundlegende Problematik sei im Hausärztlichen Setting nicht bekannt“ antwortet uns die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin.

Auf Warnsignale achten

Professor Arnulf Stenzl will Frauen und Ärzte für diese Problematik sensibilisieren. Denn Harnwegsinfekte, die immer wieder auftreten, bedürfen einer weiteren Abklärung. In diesem Zusammenhang sei auch die Anamnese wichtig: Hat die Frau geraucht oder passiv geraucht? Rauchen ist nämlich einer der Hauptrisikofaktoren für Blasenkrebs. Ebenso sollte man abklären, ob es in der Familie Krebsfälle gegeben hat. Auch wenn sie in der Regel nicht gleich beim ersten Harnwegsinfekt nötig ist sollten Frauen vor einer Blasenspiegelung keine Angst haben. Sie ist allenfalls unangenehm aber nicht schmerzhaft.

Petra Blum-Jelinek hat gelernt mit der neuen Blase zu leben. Trotz ihres Schicksals ist sie ein positiver Mensch geblieben. Eine ausgewogene Ernährung und viel Sport sollen ihrem dem Körper helfen gesund zu bleiben. Sie hat sogar an einem Marathon teilgenommen. „Man muss situationsbedingt das Beste daraus machen und ich denke, das machen wir“.

Zurück

© Klinik für Urologie Tübingen - Unterstützt durch den Förderverein Urologie e. V. - Gemeinnütziger Verein