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Interview mit Prof. Stenzl: Mit dem Alter steigt das Krebsrisiko

Erschienen in "die kleine" - Zeitschrift für die besten Lebensjahre

Um Erkrankungen der Prostata rechtzeitig erkennen zu können, empfiehlt Prof. Dr. med. Arnulf Stenzl Männern ab 45 den jährlichen Gang zur Vorsorgeuntersuchung. Wir befragten den Ärztlichen Direktor der Klinik für Urologie an der Universität Tübingen über Behandlungsmethoden bei gutartigen Vergrößerungen der Vorsteherdrüse und dem Karzinom.

Welche Behandlung empfehlen Sie bei einer gutartigen Vergrößerung der Prostata?
Es stehen inzwischen vielfältige Behandlungsmethoden des Syndroms der gutartigen Prostatavergrößerung zur Verfügung. Im frühen Stadium kommen verhaltenstherapeutische und medikamentöse Therapien in Frage. Um den tatsächlichen Schweregrad der Erkrankung einzuschätzen, ist eine urologische Anamnese und Untersuchung erforderlich. Die Therapieempfehlung richtet sich dann nach dem Gesamtbild unter Berücksichtigung der Beschwerden des Patienten und möglicher, zum Teil vom Patienten noch nicht bemerkter Probleme, beispielsweise der Niere als Folge der Prostatavergrößerung.

Wann ist eine Operation notwendig?
Normalerweise erst bei Versagen einer mehrfachen Therapie mit Medikamenten. In jedem Falle wird Patienten mit wiederholtem Harnverhalt, Entwicklung von Nierenaufstau, Nierenversagen, Blasensteinbildung, Blutungen und häufigen Harnwegsinfekten eine operative Behandlung empfohlen. Es existieren diverse, zum Teil gleichwertige Operationsmethoden zur „klassischen" endoskopischen Entfernung des Prostatagewebes mittels Elektroschlinge. Patienten mit zwingender Notwendigkeit einer blutverdünnenden Therapie profitieren z.B. von Laserverfahren. Neuere minimalinvasive endoskopische Methoden sind entwickelt worden, um beispielsweise bei Patienten mit Therapieversagen unter einer medikamentösen Therapie, eine Narkose zu vermeiden. Vielfach ist aber eine Gleichwertigkeit mit bisherigen Standards noch nicht bewiesen.

Welche Altersgruppe ist besonders gefährdet, an einem Prostatakarzinom zu erkranken?
Das Prostatakarzinomrisiko steigt grundsätzlich mit dem Lebensalter, wobei es aber auch bei jüngeren Patienten in seltenen Fällen aggressive Tumoren geben kann. Dies ist insbesondere wegen einer möglichen erblichen Vorbelastung bei Männern mit einer bekannten Neigung zu Prostatakarzinomen in der Familie relevant. Daraus resultieren dann auch unterschiedliche Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Vorsorge.

Ab welchem Alter und in welchen Abständen sollten Männer zur Vorsorgeuntersuchung?
Bei Patienten mit familiärer Belastung wird eine Vorsorge ab dem 40. Lebensjahr empfohlen, bei allen anderen Männern übernimmt die Krankenkasse die Kosten zur jährlichen Vorsorge ab 45.

Wie gefährlich ist der Prostatakrebs?
Prostatakarzinom ist die häufigste beim Mann diagnostizierte Tumorerkrankung mit einer großen Bandbreite hinsichtlich Aggressivität. So gibt es Tumoren, welche einer überwachungsstrategie ohne die Notwendigkeit einer OP oder Bestrahlung zugeführt werden können, genauso wie hoch aggressivere, welche ohne operative Entfernung der Prostata oder Bestrahlungstherapie, in manchen Fällen auch beides, zur lebensbedrohlichen Metastasierung führen können. Um dies einordnen zu können, erfolgt im Verdachtsfall eine Gewebeentnahme aus der Prostata mittels präziser Gewebeprobe. Der befundende Pathologe kann dann den Agressivitätsgrad des Tumors bestimmen, um dem Urologen eine weitere Strategie zu ermöglichen.

Ist die Zahl der Erkrankten in den vergangenen Jahren gestiegen? Und wenn ja: Worin begründet sich diese Tendenz?
Die Zahl der Neuerkrankungen ist in den letzten Jahren leicht angestiegen. Neben einer steigenden Lebenserwartung sind weitere Ursachen dafür unklar.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Lebensstil und dem Sexualverhalten und dem Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken?
Für beides gibt es diverse wissenschaftliche Publikationen und auch nachweislich biologisch sinnhafte Argumente, dennoch fehlt für viele postulierte Ernährungs- und Verhaltensmaßnahmen im Sinne einer Prostatakarzinomprävention die hinreichende Prüfung durch klinische Studien. Klar ist, dass ein allgemein gesunder Ernährungsstil mit mediterraner Kost, mehrfach ungesättigten Fetten und ausreichender körperlicher Betätigung und Sport die Stoffwechselwege günstig beeinflussen kann, die auch für eine Protektion vor Tumorerkrankungen verantwortlich sind. Für den Einfluss des Sexualverhaltens auf das Entstehen von Prostatakrebs gibt es keine Belege.

Gibt es bei dieser Erkrankung auch Alternativen zur Operation?
Als Alternative zur operativen Entfernung gibt es eine zunehmende Zahl an Behandlungsstrategien. Zunächst kann durch eine präzisere Bestimmung des Tumorvolumens und der Aggressivität von Tumoren durch MRT und teilweise navigationsgestützter Gewebeentnahme immer häufiger die Empfehlung zu einer aktiven Überwachung (active surveillance) ausgesprochen werden. Als Alternative können in diesem Fall aber auch neue, im Zulassungsstadium befindliche Behandlungen, wie beispielsweise die Photodynamische Therapie oder andere fokale Therapien Anwendung finden. Bei den sogenannten Intermediär-Risikopatienten ist die Behandlung stärker als bei anderen Formen des Prostatakarzinoms von der Lebenserwartung des Betroffenen abhängig. Hier kann die ganze Bandbreite von operativer Entfernung, Bestrahlung von außen oder Brachytherapie, bei der sogenannte Seeds (radioaktive Kapseln) in die Prostata eingepflanzt werden, angewendet werden. Bei den fokalen Therapien wie z.B. Elektroporation, HIFU, Kryotherapie (Kältetherapie), etc. muss bedacht werden, dass sie sich noch in einem experimentellen Stadium befinden und daher bis zum Beweis ihrer Wirksamkeit und Gefahrlosigkeit ein Risiko darstellen können.

Welche Folgen hat die operative Entfernung der Prostata für die Sexualität der Männer und ihre psychische Gesundheit?
Die operative Entfernung der Prostata ebenso wie die Bestrahlung hat Auswirkungen auf die Gliedsteife. Es bestehen aber keine Auswirkungen auf das sexuelle Verlangen (Libido) sowie die Gefühl und Orgasmusfähigkeit - diese Nervenbahnen werden von der Operation nicht beeinflusst. Auswirkungen auf die Psyche sind bei einer Heilbehandlung wie z.B. bei operativer Entfernung oder Bestrahlung meist vorübergehend. In allen größeren Zentren können sowohl die Patienten als auch ihre Angehörigen eine psychoonkologische Hilfestellung in Anspruch nehmen. Leider wird davon viel zu selten Gebrauch gemacht.

Fragen von Stefan Zibulla

Das Interview ist erschienen in der Zeitschrift: die kleine

Komplettes Magazin zum herunterladen:

die_kleine_17_05.pdf (16,4 MiB)

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